Kompliment

11. August 2010

Ich saß in meiner Urlaubshütte am Küchentisch, da entdeckte mein Sohn ein unscheinbares dunkles Kruzifix auf einem dunklen Holzbalken. Mein Sohn streitet viel mit mir darüber, wie man(n) leben bzw. sein sollte. Und dieser mein Sohn meinte ganz trocken: „Das ist glaube ich auch so ein Typ wie du.“ Ach da habe ich mich heimlich gefreut.


Frisch trainiert

4. Juli 2010

Nach einer Woche GFK-Freizeit – wieder so ein Zustand von Klarheit/Wachheit und nichtwertendem Beobachten:

Ich war 3 Minuten vor Abfahrt meines Zuges am Bahnsteig. Für einen kurzen Augenblick wurde ich hektisch und unruhig – ob ich wohl den Zug noch schaffe. Aber es war ganz leicht diese Aufregung verschwinden zu lassen, da war eine kurze Lücke zwischen Gefühl und spontaner Handlung. Sehr angenehm – diese Klarheit. Kein Problem, auf den nächsten Zug zu warten.

In Halle vor dem Bahnhof stand eine Schülerin mit Gipsbein. Und ich mit meiner Kraxe, dem dreckigen T-Shirt und löchrigen Hosen. Doch da gab es kein Kopfkino, keine Aufregung – wie ich mich jetzt wohl verhalten sollte – weggucken, nur zunicken, Grüßen, Stehenbleiben, und wenn Stehenbleiben – was sollte ich sagen. Es war ganz leicht. Klarheit. Ich konnte mich wie automatisch vor Sie hinstellen, Sie anlächeln und fragend auf Ihr Gipsbein gucken. Sie konnte Ihre Geschichte erzählen, ich sagte ich käme aus dem Urlaub und wir verabschiedeten uns. Dann konnte ich noch mit spöttischer Heiterkeit den Impuls beobachten, Sie beim Sprechen zu Berühren.

Mit Verwunderung und Heiterkeit betrachtete ich große Werbeplakate, auf denen Leute lachten. Aber ich konnte nicht mit Ihnen „in Kontakt“ kommen, weil sie künstlich lachten.


Weißes Rauschen

28. September 2009

Ich bin gerade zur Kur – ein Ausnahmezustand. Null berufliche oder familiäre Verpflichtungen. Nur ich. Nach so 5 bis 6 unterschiedlichen therapeutisch wohl dosierten körperlichen Aktivitäten und einem fettarmen, leichten Abendbrot saß ich so im Halbdunkel auf meinem Sessel.

Und da war Leere in meinem Kopf. Aber nicht die dumpfe Erschöpfung nach anstrengender entfremdeter Arbeit am Freitagabend auch nicht die lächelnde Entspannung nach Sex oder Achterbahn. Es war eine Leere jenseits von Gut und Böse – ich konnte keine Gefühle registrieren – weder solche die auf Erfüllung, noch solche die auf Nichterfüllung von Bedürfnissen hinweisen. Ich war wachen Geistes einfach nur da. Für ungefähr 5 Minuten, dann begann sich die Gedankenmaschine wieder zu drehen.

Faszinierend, wie Mr. Spock sagen würde


Waldspaziergang

2. August 2009

Da ging ich mit einem Menschen durch die Berge, der war ähnlich GFK-trainiert wie ich. Das Gespräch ging so um dies und das.
Ich bin mir nicht ganz klar, welche Bedürfnisse ich mir damit befriedigen wollte. Aber ich brachte das Gespräch auf die Predigt, die wir eben in den Bergen gehört hatten. Ich wusste, dass es kein small talk werden würde. Schnell waren wir bei den Grundfesten unserer unterschiedlichen Weltanschauungen angelangt.
Früher hätte ich angefangen, mein Gegenüber auf der Sachebene zu zerfetzen. Diesmal hörte ich: „Ich glaube ganz fest, dass A. Ich bin überzeugt, dass B. Ich habe C gelesen. Ich habe D erlebt.“ Und ich sah mich plötzlich gespiegelt. Nur dass ich ganz fest W glaube, überzeugt bin, dass X und überhaupt habe ich Y1, Y2, Y3 und Y4 gelesen und Z erlebt.
Ich war froh, vielleicht auch stolz darüber, dass wir uns nicht in ohnmächtiger Verblendung gegenseitig unsere Glaubenssätze an den Kopf geknallt haben. Ich war aufgewühlt und verwirrt, weil ich unsicher war, wie ich reagieren sollte auf: „Ich glaube ganz fest, dass A“ – Obwohl ich doch ganz fest W glaube, schließlich hat das Y2 gesagt.