Angst und Induktion

28. Oktober 2015

Martha Nussbaum in Hohe Luft – kompakt über Angst: Nach der schönen Definition von Aristoteles umfasst Angst den Gedanken, dass ein bedeutsamer Schaden droht und man es nicht ganz in der Hand hat, ob man den Schaden abwenden kann, entweder für sich selbst oder andere, um die man sich sorgt. Wie man sieht, gibt es eine Menge Dinge, die bei der Angst falsch laufen können. Man kann falsch darin liegen, ob die Bedrohung überhaupt existiert oder wie groß sie tatsächlich ist. Aristoteles gibt das Beispiel einer Maus, die über den Boden läuft, was keine so bedeutende Bedrohung ist. Angst ist nicht nur ein subkognitiver Vorgang. Sie hat zwar Elemente, die rein physiologisch sind, aber in jeder komplexeren Situation umfasst sie auch kognitive Elemente. Würden wir nur in unserem evolutionären Erbe feststecken, könnten wir die Vorstellung eines Feindes gar nicht bilden. Was sollte das denn sein? Sogar bei den meisten Tieren hat die Angst kognitive Elemente. Ihre Gedanken haben Inhalt, sie haben einen rudimentären Begriff davon, was gut oder schlecht für sie ist. Angst hat einen kognitiven Inhalt – also kann sie auch in die Irre gehen.

Da gehe ich also zu Anti*gidademos in Halle, beide Seiten schreien sich gegenseitig an. Manchmal ist nicht genügend Polizei da und das Ganze ist nicht so ein sicheres Event wie ehemals. In der Goldenen Rose, einem „Gutmenschen“treff, brennt es, später gehen Scheiben zu Bruch. Ich gucke zwei Wochen lang viel Nachrichten. Ich ziehe Vergleiche zu 89. Und plötzlich spüre ich Angst in mir.

Da gibt es Leute die hören von gewaltätigen Demos, die sehen Bilder von schwer gepanzerten Polizisten. Die lesen täglich Zeitung und gucken Nachrichten. Die merken, wie ihre nächsten Freunde und Verwandten zu Leuten werden, die ständig rassistische Witze verschicken. Und plötzlich haben die Angst.

Da gibt es Leute, die hören von Deutschen, die von Türken verdroschen oder abgezogen werden. Sie hören von arabischen Machos, die sich von Frauen nichts sagen lassen. Sie sehen Berichte von Gegenden in Deutschland in denen es fast nur Bewohner mit Migrationshintergrund gibt. Manches davon ist ihnen auch selbst passiert. Sie gucken viel Fernsehen und lesen Bücher von Sarrazin. Und dann haben die Angst.

Dann gibt es noch welche, die sind voll euphorisch, dass gerade so viel passiert, die haben sich mit euphorischen Leuten umgeben. Die sind viel im Wald, die jetten von einem selbstorganisiertem Projekt zum nächsten und erwarten einen rasanten spirituellen Umschwung in höhere Sphären.

Und natürlich noch die rührselige Indianergeschichte von den zwei Wölfen, die in uns kämpfen – der Gute und der Böse. Der erste ist mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit unterwegs, der zweite mit Ärger, Neid, Eifersucht, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst. Frage: „Welcher Wolf gewinnt.“ Der, der gefüttert wird.


Kreistänze LevelUp

20. August 2015

Drei Tage GfK-Sommerlabor.

  • Am Morgen wollte jemand zu Beginn Tanzen. Spirituelle Musik. Manche hüpften von Null auf Hundert ekstatisch herum. Manche standen rhythmisch schwankend da. Andere blieben sitzen. Manche hatten die Augen offen, manche geschlossen.
  • Das Abschlussritual bestand in folgender Übung: Alle reichten sich kreuz und quer die Hände, ein paar Füße waren auch dabei. Nun bestand die Aufgabe darin, Händepaare zu lösen und möglichst schnell wieder neue Anschlussstellen zu finden. Ein chaotisch/harmonisch sich umeinander windender Menschenhaufen entstand.

Für mich waren diese beiden Rituale sehr stimmig. Ich fühlte mich geborgen und in Verbindung mit den anderen im Raum. Viel mehr als beim gemeinsamen Händchenhalten (auch ganz nett) oder bei Kreistänzen, die bei vorangegangenen Veranstaltungen vielen TN sehr angenehm erschienen.

Gemeinschaft in Vielfalt. Von Isolation und Feindschaft über harmonische Kuschelgemeinschaft zu etwas Neuem. Schöne Grüße von Hegels Einheit und Kampf der Gegensätze und dem Tetralemma.

Ein Kenner der Szene, dem ich davon erzählte, meinte, GfK wird erwachsen.


Interdependenz

19. Juni 2014

Ach meine aktuelle Klolektüre Ulla Raafs: „So gelingt’s“ passt so recht zu meinem aktuellen Gemütszustande.

interdependenz
Es passt gerade alles zusammen, was ich so lese Buber und Rosenberg, Hüther und Hosang, Bauer. Und was ich so mache: tiefdurchgeistigte sokratische Gespräche über Freiheit im Unterricht. Yoga. Und eine vernetzte Freizeit mit Ausflügen zu Sophia und im TT-Gewusel, das jetzt vielleicht sogar erforscht wird. Und Verletzungen und Stress gibt es auch – aber momentan mit der Kraft mich zu distanzieren.

Und alles hat einen einfachen Grund. Weniger Arbeit, weil Prüfungs- und Praktikumszeit ist. :-)


Unterschied und Ähnlichkeit

12. Mai 2014

An so einer Kassenschlange standen unterschiedliche Frauen. Sie unterschieden sich in Alter, Leibesfülle, Styling,… Mir kamen die 7 Lebensalter des Weibes in den Sinn. Da standen diese Menschen in einer Reihe – so unterschiedlich und so gleich.

Und es schoss mir durch den Kopf: Zu jedem dieser Menschen gehörte eine ganz persönliche Wolke von Gedanken – feste Glaubenssätze, Erinnerungen, flüchtige Ideen. Mir erschien diese Wolke wie ein zusätzliches Merkmal, je eine andere zusätzliche Konstruktion um den Kopf. So unterschiedlich und so gleich.

Für einen Moment durchwaberten mich Frieden und Liebe mit den Menschen.

Dann musste ich bezahlen und Auskunft geben, ob ich Treuepunkte sammeln möchte.


Aas eh

5. Juli 2013

Ich genieße die Art, wie Radfahrer und Fußgänger oft miteinander umgehen. Die kurzen Blicke, um sich zu verständigen. Die Komik, die entsteht, bei diesem Links-Rechts-Zucken bis klar ist, wie man umeinander herum kommt. Das erleichterte Lächeln, wenn es nach einer gefährlichen Situation doch nicht zum Crash gekommen ist. Wortloser Dank für das Einhalten von §1 StVO.

Letztens manövrierte ich vorsichtig hinter zwei Fußgängern entlang, die über die Straße wollten, die dann aber doch wieder zurück wollten. Als sie rückwärts gehen wollten, erschraken sie, weil ich unbemerkt genau hinter ihnen fuhr. Ich erntete ein: „Arh eh! Aas eh! Gucke hin eh!“ Nach ihrem Erschrecken also ein sofortiges Umschalten in einen Modus absoluter Aggression.

Das ist es wohl was gemeint ist, wenn „wir“ sagen, Gewaltfreiheit sei eine Haltung. Was schießt jemandem als erstes durch den Kopf, wenn etwas unerwartetes passiert: Angst & Aggression oder etwas, dass dem Leben vertraut.


Spiegelneuronen oder Herzchakra

10. Juli 2012

Seit ich nach exzessivem GfK-Konsum immer mal so Begegnungen der dritten Art hatte, lausche ich sehr genau in mich hinein, was mir passiert, wenn ich Menschen auf der Straße begegne.

Letztens passierte ich ein Pärchen, Hand in Hand, mit dem leicht debilen Grinsen der Verliebten. Und eine Woge der Liebe durchwaberte meinen Körper vom Herzen her, ganz genau so, als sei ich selbst verliebt. Sehr angenehm. Ich sollte mich um Lebensbedingungen kümmern, wo mir so was öfter passiert.

Da ich die beiden gesehen habe, gehört die Begebenheit für mich in die Kategorie Spiegelneuronen. An eine verstärkende Überlagerung der elektromagnetischen Felder unserer Herzen mag ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht glauben.


Glaubenssatz gesichtet

23. Mai 2012

Und er lautet:

Ich muss meinen Platz im Leben finden.

Habe ihn natürlich noch nicht gefunden. Suche nach toller Arbeit, Kommune oder Weltformel. Universalstrategie für 93 Bedürfnisse: Sicherheit, Klarheit, Einfachheit, Sinn, … Das volle Brett eben.

Aber wieso „muss“ ich. Ich bin doch da wo ich bin.

Verwunderung, spöttische Erleichterung – aber auch Ratlosigkeit.


Nothing really matters

1. Mai 2012

Madonna – Nothing really matters

When I was very young
Nothing really mattered to me
But making myself happy
I was the only one

Now that I am grown
Everything’s changed
I’ll never be the same
Because of you

Nothing really matters
Love is all we need
Everything I give you
All comes back to me

Igitt, schnöde Popmusik. Auch noch von Madonna. Aber der Text ist so schmalzig wie stimmig. Und ich finde mich in diesem Lied wieder.


Empathische Halluzinationen

8. November 2011

Stoned von einem GfK-Seminar in der Menge eines vollen Hauptbahnhofs. Das Hirn durch allerlei Dialogübungen und intensive Gespräche im empathischen Ausnahmezustand. Dazu gab es vorher noch Hegel mit seinem: „Das Wahre ist das Ganze, der Widerspruch.“

Plötzlich war ich von der Vorstellung durchflutet, dass ich mich nicht wie eine Billardkugel, Teilchen oder Einzelsubjekt durch die Menschenmenge bewegte sondern ich sah beziehungsweise spürte ein zusammengesetztes Feld aus Einzelschwingungen.   So etwas wie Welle-Teilchen-Dualismus: Wolfsteilchenmodus – klare Grenzen, wahre und falsche Urteile, getrennte Einzelmenschen. Giraffenwellenmodus – empathische Überlagerung von Feldern, unmöglich den Einzelnen ohne die anderen zu denken.

Es gab ein physisch spürbares Umschalten zwischen zwei Zuständen: dieser ungewöhnliche Zustand der dialektischen Selbstaufhebung in der Menge und die ganz prosaische Einzelsubjektwerdung, wenn ich an einem Imbissstand überlegte, ob ich wohl was essen sollte. Aber ich war so berauscht von meinen Selbstauflösungswahrnehmungen, dass sich es verzog, weiter in/mit der Menge zu schwingen. Verstörend angenehm das Ganze.

Mit etwas Abstand stelle ich mir die Sache so vor. Ähnlich wie nach der GfK-Freizeit war der Bewertungsautomatismus zwischenzeitlich ausgeschaltet. Und ich war eine Weile tatsächlich in der Lage die Menschen um mich herum mit zärtlichem Interesse nur anzuschauen – ohne sie sofort in Schubladen zu packen.


Spiegelneuronen 1

14. September 2011

Die Ausstellung zum World Press Photo Award 2011 auf dem Bahnhof in Halle. Eine Frau mit abgeschnittener Nase. Sportler. Leichenberge aus Mexiko, Haiti und Tibet, AIDS, tödliche Loveparade, dann noch ein paar nette Tierbilder und Iren, die sich für einen Jahrmarkt rausgeputzt haben. Erdbebenopfer. Das ganze in hyperrealistischer Fotoqualität. Das Auge kann/muss länger als im Fernsehen verweilen – auch keine Unterbrechungen durch Journalisten mit ihrer künstlichen Betroffenheitslarve.

Mein erster Impuls: „Das ist ganz schön anstrengend.“ Verwirrung. Tränen.

Und nach einer halben Stunde noch ein Besuch. Es sind nicht die Leichenberge, die mich am meisten bewegen, die muss der Verstand erst interpretieren, muss das Massengrab mit nackten Leichen erst von einem Badestrand unterscheiden. Es sind nicht die Erdbebenruinen, denen der Verstand erst die Katastrophe zuordnen muss. Und auch ein abgetrennter Kopf ruft zuallerst Erstaunen hervor und dann erst Grauen oder Ekel.

Es sind die Gesichter der Erdbebenopfer, die ihre Angst, ihr Entsetzen direkt ohne Interpretation, ohne Umwege direkt in mein Gemüt übertragen. Oder auch die Emotionen der Kinozuschauer.