Der vierte Weg

15. Mai 2013

Wir reden über Konflikte. Der eine sagt: „Bei Angriff gibt es es nur drei uralte Reaktionsmöglichkeiten: Verteidigung-Totstellen-Flucht.“ Kommt der Einwand: „Und was ist mit Empathie?“

Ist wohl tatsächlich was qualitativ anderes. In den drei Standardreaktionen steckt schon die Interpretation drin, dass es sich bei dem, was mir da geschieht, um einen Angriff handelt.


Kleine Freuden

6. September 2012

Wenn im Supermarkt eine neue Kasse aufmacht, passiert es häufig, dass sich Leute von ganz hinten einen Wettbewerbsvorteilskick verpassen, weil sie etwas schneller die neue Situation erfassen und schnell nach vorn schnippen.

Heute erlebte ich es das erste Mal anders. Die neue Kasse machte auf. Und der hintere Teil der Schlange wechselte entspannt ohne die interne Reihenfolge zu ändern an die neue Kasse. Entspannte Freude über einen Moment intuitiver Kooperation.


Spiegelneuronen oder Herzchakra

10. Juli 2012

Seit ich nach exzessivem GfK-Konsum immer mal so Begegnungen der dritten Art hatte, lausche ich sehr genau in mich hinein, was mir passiert, wenn ich Menschen auf der Straße begegne.

Letztens passierte ich ein Pärchen, Hand in Hand, mit dem leicht debilen Grinsen der Verliebten. Und eine Woge der Liebe durchwaberte meinen Körper vom Herzen her, ganz genau so, als sei ich selbst verliebt. Sehr angenehm. Ich sollte mich um Lebensbedingungen kümmern, wo mir so was öfter passiert.

Da ich die beiden gesehen habe, gehört die Begebenheit für mich in die Kategorie Spiegelneuronen. An eine verstärkende Überlagerung der elektromagnetischen Felder unserer Herzen mag ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht glauben.


Gesichter haben keine Pseudogefühle

16. Dezember 2011

Ich habe mit meinen Schülern so ein paar GfK-Grundlagen geübt. Ich habe die Bildchen von gewaltfreierleben.de verwendet und die dargestellten Gefühle raten lassen. Es war einfach. Und das faszinierendste war: Wirklich niemand machte Vorschläge wie: Der sieht betrogen, wertlos, ausgegrenzt, ignoriert, schuldig aus. Obwohl es mir sonst noch schwer fällt Einsteiger davon zu überzeugen, dass betrogen, wertlos, … keine Gefühle sind.


Empathische Halluzinationen

8. November 2011

Stoned von einem GfK-Seminar in der Menge eines vollen Hauptbahnhofs. Das Hirn durch allerlei Dialogübungen und intensive Gespräche im empathischen Ausnahmezustand. Dazu gab es vorher noch Hegel mit seinem: „Das Wahre ist das Ganze, der Widerspruch.“

Plötzlich war ich von der Vorstellung durchflutet, dass ich mich nicht wie eine Billardkugel, Teilchen oder Einzelsubjekt durch die Menschenmenge bewegte sondern ich sah beziehungsweise spürte ein zusammengesetztes Feld aus Einzelschwingungen.   So etwas wie Welle-Teilchen-Dualismus: Wolfsteilchenmodus – klare Grenzen, wahre und falsche Urteile, getrennte Einzelmenschen. Giraffenwellenmodus – empathische Überlagerung von Feldern, unmöglich den Einzelnen ohne die anderen zu denken.

Es gab ein physisch spürbares Umschalten zwischen zwei Zuständen: dieser ungewöhnliche Zustand der dialektischen Selbstaufhebung in der Menge und die ganz prosaische Einzelsubjektwerdung, wenn ich an einem Imbissstand überlegte, ob ich wohl was essen sollte. Aber ich war so berauscht von meinen Selbstauflösungswahrnehmungen, dass sich es verzog, weiter in/mit der Menge zu schwingen. Verstörend angenehm das Ganze.

Mit etwas Abstand stelle ich mir die Sache so vor. Ähnlich wie nach der GfK-Freizeit war der Bewertungsautomatismus zwischenzeitlich ausgeschaltet. Und ich war eine Weile tatsächlich in der Lage die Menschen um mich herum mit zärtlichem Interesse nur anzuschauen – ohne sie sofort in Schubladen zu packen.


Spiegelneuronen 1

14. September 2011

Die Ausstellung zum World Press Photo Award 2011 auf dem Bahnhof in Halle. Eine Frau mit abgeschnittener Nase. Sportler. Leichenberge aus Mexiko, Haiti und Tibet, AIDS, tödliche Loveparade, dann noch ein paar nette Tierbilder und Iren, die sich für einen Jahrmarkt rausgeputzt haben. Erdbebenopfer. Das ganze in hyperrealistischer Fotoqualität. Das Auge kann/muss länger als im Fernsehen verweilen – auch keine Unterbrechungen durch Journalisten mit ihrer künstlichen Betroffenheitslarve.

Mein erster Impuls: „Das ist ganz schön anstrengend.“ Verwirrung. Tränen.

Und nach einer halben Stunde noch ein Besuch. Es sind nicht die Leichenberge, die mich am meisten bewegen, die muss der Verstand erst interpretieren, muss das Massengrab mit nackten Leichen erst von einem Badestrand unterscheiden. Es sind nicht die Erdbebenruinen, denen der Verstand erst die Katastrophe zuordnen muss. Und auch ein abgetrennter Kopf ruft zuallerst Erstaunen hervor und dann erst Grauen oder Ekel.

Es sind die Gesichter der Erdbebenopfer, die ihre Angst, ihr Entsetzen direkt ohne Interpretation, ohne Umwege direkt in mein Gemüt übertragen. Oder auch die Emotionen der Kinozuschauer.


Vernetzung

27. Juni 2011

Da war ich zu so einem Philosophiedings und da gab es zwei Workshops:

Ach das war schön, Kohärenz fördernd. Ich war so froh über so kleine Fäden zwischen den unterschiedlichen Lagern: Hardcorewissenschaftlern, Politaktivisten und Ökofuzzipsychos.


Wenn die Polizei bittet

2. Mai 2011

Da waren wir als „zumeist linke Gegendemonstranten“ unterwegs. Wenn wir an einer Stelle waren, von der die Polizei meinte, wir sollten dort nicht sein, dann sagten die Beamten soetwas wie: „Bitte gehen Sie auf die andere Straßenseite.“ Da wir einen Anflug gelben Aggressionspotentials hatten, kamen wir diesen Bitten nur langsam nach und ließen uns einigermaßen sanft  in das Zielgebiet schubsen. Darauf die Konkretisierung der Staatsmacht: „Wir haben ‚Bitte‘ gesagt, aber wir können auch anders.“

Da die Verwendung des Schlüsselwortes „Bitte“ nur selten GFK-konform erfolgt, habe ich mir angewöhnt, besonders im Umgang mit Schülern, jeweils genauer zu erklären, was ich meine. Also entweder: „Das ist eine echte Bitte, Sie dürfen auch ‚Nein‘ sagen.“ Oder: „Naja, das ist jetzt eigentlich keine Bitte, Sie sollen jetzt einfach machen, was ich gesagt habe.“


Analytische Kopfkinobeschreibung

13. August 2010

meiner GfK-Freizeit

Phase 1. Sonntag bis Dienstag-Nachmittag. Ich bin stolz auf mich. Genieße die Leichtigkeit, mit der ich mich einleben kann. Vertraute Gesichter, bekannter Ort, vertrautes Massenkochen in der Küche, vertrautes Essen. Ich genieße die Freiheit zu sprechen oder zu schweigen. Entspannt und heiter.
Phase 2. ca. Dienstag bis Mittwoch. Ärger. Zorn. Rastlose Wolfsshow gegen alles und jeden. In meinem Kopf häufen sich Berge von analytischen Gedanken, ich stelle Theorien auf, warum wer heulend in der Ecke sitzt. Ich muss Joggen gehen, wilden Punk hören. Das spannende ist: Ich kann mich nicht mehr klar erinnern. Ich weiß noch, dass mich das Radschlagen von so einem tollen Super-GfK-Kind beim Abendkreis wütend/neidisch/traurig gemacht hat, dass ich am Stillen Tisch saß, weil ich keine Kraft und keine Lust hatte mit irgendjemand zu sprechen.
Phase 3. ca. Mittwoch bis Samstag. Konzentration – aber in Frieden. Ich atme häufig sehr bewusst, lasse den Atem an meinen Nasenwänden vorbeistreichen, tief in den Bauch. Mir scheint als hätte sich eine kleine zeitliche Lücke zwischen Beobachtung und aufkommendem Gefühl aufgetan, zwischen aufkommenden Gefühl und Handlungsimpuls. Ich beginne die langen Blickkontakte und Berührungen zu genießen und selbst zu initiieren.
Phase 4 ab Samstag. Konzentration und Frieden sind geblieben. Ich bin noch immer voll in meiner Kraft. Aber ich habe schon Abschied genommen, teile nicht die melancholische Abschiedsstimmung mancher junger Frauen. Ich habe das erste Mal Null Angst vor der Rückkehr in die Realität.
Phase 5. Danach. Diese Phase dauerte drei Tage an. Aber es gab keinen depressiven Absturz, wie ich ihn ein paar Mal nach Seminaren erlebte. Es war nur so, dass sich diese zeitliche Lücke zwischen Beobachtung/Gefühl/Handlungsimpuls wieder immer mehr schloss.


Kompliment

11. August 2010

Ich saß in meiner Urlaubshütte am Küchentisch, da entdeckte mein Sohn ein unscheinbares dunkles Kruzifix auf einem dunklen Holzbalken. Mein Sohn streitet viel mit mir darüber, wie man(n) leben bzw. sein sollte. Und dieser mein Sohn meinte ganz trocken: „Das ist glaube ich auch so ein Typ wie du.“ Ach da habe ich mich heimlich gefreut.