Tetralemma

Zu König Salomon, dem Richter, dessen Weisheit sprichwörtlich war, kamen zwei Nachbarn, die miteinander im Streit lagen. Der erste trug seinen Standpunkt vor. Der Richter hörte aufmerksam zu und sagte zu ihm, als er alles gehört hatte: „Da hast Du recht.“ Dann hörte er den anderen, der alles ganz anders vortrug. Er hörte aufmerksam zu und sagte auch zu ihm, als er alles gehört hatte: „Da hast Du recht.“ Der Wesir, der dem aufmerksam gefolgt war, konnte nicht mehr an sich halten und sprach dem König leise ins Ohr: „Die Aussagen der beiden widersprechen sich völlig. Sie können doch überhaupt nicht beide recht haben!“ Da wandte sich der König ihm zu, lächelte und sagte: „Da hast Du recht.“

Mehrere Zutaten haben mein Hirn wieder mal zum Klicken gebracht:

  • So eine Übungssession zum Tetralemma, dieser herrlichen Technik zur Auflösung des starren abendländischen Schwarz-Weiß-Denkens.
  • Dann lief mir nochmal Home über den Schirm. Mir fielen die Gesundheitswarnungen auf Zigarettenschachteln ein. Aus solchen Implikationen „Wer raucht, stirbt früher“ oder „Wenn die Menschheit so weiter macht, geht alles kaputt“ folgt nichts, keine Aufforderung, keine Notwendigkeit zum Handeln. Naturalistischer Fehlschluss eben.
    Und doch war ich traurig, ratlos, von Angst getrieben. Ganz egoistisch sehnte ich mich nach Sicherheit. Panik vor Bedingungen unter denen so ein Weicheiökofuzzi wie ich sich mit der Keule ums letzte Essen kloppen muss.
  • Dann Hermann Hesse, In Sand Geschrieben. Hesse zelebriert den Augenblick, huldigt dem „Im Hier und Jetzt.“ Und ich konnte ihm folgen.
  • Und darin stecken für mich zwei Extrempositionen: 1. „Ich muss Teil der Weltrettungsarmee sein.“ Es gehört sich so, mit jeder Faser seines Lebens für eine bessere Welt einzustehen. Schöpfung erhalten. Wale und Immigranten retten. Mollies schmeißen. Der Versuch global wirksam zu agieren. 2. Die Sitzkissenpotatoes, die Bäume umarmen und für Fukushima meditieren, die jedem Revoluzzer Gandhi um die Ohren hauen:  „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“ Die Hoffnung durch lokales Handeln die Welt zu retten.
  • Und plötzlich und unerwartet stellte sich eine tetralemmatische Synthese der beiden Positionen ein. Schwer in Worte zu fassen. Ich konnte es spüren, wie beide Positionen richtig sind. Die Umklammerung des Entweder/Oder war gebrochen. Frieden stellte sich ein, aber ein aktiver Frieden.
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4 Responses to Tetralemma

  1. Das Tetralemma, „bezieht in seiner Grundstruktur sowohl den Satz vom Widerspruch als auch den Satz vom ausgeschlossenen Dritten mit ein:

    Etwas ist (so)
    Etwas ist nicht (so)
    Etwas ist sowohl (so) als auch nicht (so)
    Etwas ist weder (so) noch nicht (so)“
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Nagarjuna)

    Und dann gibt es noch das negierte Tetralemma, das sagt, dass es auch um etwas ganz anderes geht, etwas, das auf einer ganz anderen Ebene ist als die 4 Optionen….

  2. bernd sagt:

    Das verstehe ich jetzt nicht. Wieso „bezieht das Tetralemma in seiner Grundstruktur sowohl den Satz vom Widerspruch als auch den Satz vom ausgeschlossenen Dritten mit ein?
    Ich dachte eher das Teil hebt die heiligen Kühe der abendländischen Philosophie dialektisch auf. Da kommt ein Konstrukt daher, das sieht aus wie eine Aussage: Fritz ist schuldig. Es gibt Freiheit. Das Ich existiert… Und sofort ist das harte Urteil wahr oder falsch zu fällen. Das Tetralemma dagegen macht den Weg frei, zu prüfen, ob es noch einen dritten Weg gibt.

    • Felix sagt:

      Es gibt das Tetralemma und das negierte Tetralemma. Das Tetralemma ist die Aufhebung der Dualität Schwarz-weiß, indem es auch ’schwarz und weiß‘ also auch ‚weder schwarz noch weiß‘ zuläßt. Und wie ich den Logiker (und Aufstellungslehrer) Varga von Kibèd verstanden habe, fügte der altindische Buddhist Nagarjuna dem noch die Negation hinzu, im Sinne von: ‚es geht eigentlich um was ganz anderes‘ (z.B. ‚es geht nicht um die Farbe, sondern um die Form‘).

  3. […] es gibt OK natürlich nicht, das haben sich die Menschen nur ausgedacht, wie den Weihnachtsmann. Aber das ist ein alter Hut, der mir im aktuellen Prozess wieder lebendig eingefallen […]

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