Alleinsein

23. Februar 2018

Die einfachste spirituelle Disziplin besteht darin, sich ein Stück weit ins Alleinsein und Schweigen zurückzuziehen. Aber sie gehört zugleich zu den schwierigsten. Vielleicht besteht einer unserer mutigsten Schritte darin, mit unseren eigenen Gedanken und Gefühlen zusammen an einen einsamen Ort zu gehen; seine Gebetsmühle, nach der man süchtig ist, zum Stillstand zu bringen und sich einfach auf das einzulassen, was man fühlt, und zwar, was man wirklich fühlt.

Vermutlich gibt es keinen anderen Ausweg aus unserer suchtverfallenen Gesellschaft, unseren suchtkranken und aus den Fugen geratenen Familien, als sich ein gutes Stück weit bewußt ins Schweigen und Alleinsein abzusetzen.

Wenn ich Gesellschaften besuche, in denen vorwiegend Landwirtschaft betrieben wird, Länder wie in Afrika oder die Philippinen, begegne ich suchtfreien Menschen; Menschen, die ein stilles, einfaches Leben führen, die nicht aufgeputscht sind und mit einigen grundlegenden Wahrheiten auskom-men, an die sie sich ihr Lebtag halten. Halten Sie sich vor Augen, wie vieles uns tagtäglich aufputscht: Rundfunk, Fernsehen, Werbeflächen, Unterhaltungen. Wir müssen das ewige Geplapper, die zahllosen Reize leiser stellen; wir müssen uns wieder auf Gefühle einlassen, die wir jahrzehntelang angestaut und verdrängt haben. Wir sind davon überladen, und deshalb haben wir Angst davor, uns dem zu stellen.

Quelle: Richard Rohr, Das zündende Wort, Erscheinungsjahr 1993 – noch vor dem Internetboom und 14 Jahre vor dem ersten I-Phone 2007.

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Jenseits von Gut und Böse

17. Dezember 2017

Mein Satz des Tages aus einer Yin-Yoga-Stunde mit Juliane Erbhart:

Ja das könnte klappen. In sprachloser (denn wir haben keine Sprache jenseits von Gut und Böse) meditativer Versenkung dem Nachspüren, was bleibt ohne den Apfel vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen: Freiheit. Die Freiheit, mich nicht mit meinen Urteilen zu identifizieren.
Wenn ich da so auf meiner Yogamatte rumliege, gelingt es mir schon recht gut, tausendmal gedachte Wutgedanken vorbeiziehen zu lassen. Aber auch die wohlwollenden Gedanken, schöne Erinnerungen, tolle Pläne ziehen zu lassen. Das ändert nochmal vieles.
Yoga mit seiner Körperbezogenheit als mystischer Weg mit der Erbsünde des Urteilens zu leben.


Objekt & Sprache

12. November 2017

Eine Übung zum persönlichen Verhältnis zu Konflikten:

  • den Raum verlassen und ein Objekt finden, das das Thema „Konflikt“ symbolisiert (10min)
  • im Kreis Objekte vorstellen und in die Mitte legen: Was habe ich ausgesucht? Was hat es mit Konflikt zu tun? Wesentliche Begriffe/Gedanken werden vom Trainer auf Moderationskarten notiert.
  • Reflektion
  • Gemeinsames Betrachten der Moderationskarten – Reflektion
  • Reflektion über Karten und Objekte

kennengelernt bei Anja Petz/Till Baumann/Harald Weißhaupt

Spannend. Für uns TN steckt viel Information in den Objekten. Sie sind Anker für das Erzählte – quasi das Erlebte. Die sprachliche Essenz verliert Information, macht aber einen Austausch möglich.

Wir sprechen, um uns begegnen zu können. Aber in ihrer Grobheit und Mehrdeutigkeit ist Sprache ein Werkzeug, dass „vollständige“ Begegnung verhindert.

Irgendwie passt da ein Zitat von Uwe Schade dazu:

Deine Augen machen aus tausend Strahlen eine Farbe. Deine Ohren machen aus tausend Schwingungen einen Ton. Deine Hände fühlen in tausend Bewegungen einen Körper. Dein Denken macht aus tausend Wahrnehmungen eine Idee.


Bedürfnisse und Werte

8. August 2017

Fundstück in Seminarmitschriften:

Das Problem schwingt in den aktuellen Diskursen mit, wenn es darum geht, was wertvoller ist: die nationale Identität oder die Hilfe für Nichtdeutsche oder auch bei der Frage, wo das gelobte Land liegt: im konservativen bekannten Gestern oder dem progressiven unbekannten Morgen.


Sokratisches Gespräch und Community Building

11. Juli 2017

Leonard Nelson beschreibt, wie es in einem Sokratischen Gespräch zugeht:

… Da tauchen neue, verständnislosere Fragen auf. Schon beginnen einzelne zu schweigen. Es schweigen ganze Gruppen. Dazwischen geht die Unruhe der immer zielloser werdenden Fragen. Selbst die anfangs noch Sicheren lassen sich dadurch verwirren. Sie verlieren gleichfalls den Faden. Sie wissen nicht, wie sie ihn wiederfinden sollen. Endlich weiß niemand mehr, wohin die Aussprache steuert.
Die schon bei Sokrates berühmte Verwirrung ist eingetreten. Alle sitzen ratlos da. Das anfangs Gewisse ist ihnen ungewiss geworden.

Dies scheint dem Übergang vom Chaos in die Leere zu entsprechen. Auch Hinweise auf die Tücken des Verharrens in der Pseudogemeinschaft gibt es:

Aber viele erlahmen und werden überdrüssig, wenn ihre Kenntnisse verschmäht werden, wenn die ersten selbständigen Schritte sie nicht vorwärtsbringen.
Über die Rolle des Fascilitators heißt es:
Der philosophische Lehrer, der nicht den Mut hat, seine Schüler vor diese Probleme der Verwirrung und Entmutigung zu stellen, beraubt sie nicht nur der Fähigkeit, die Widerstandskraft auszubilden, deren der Forscher bedarf, er täuscht sie über ihr eigenes Können und macht sie unehrlich gegen sich selbst.
Um das gelingende Sokratische Gespräch zu charakterisieren, zitiert Nelson Plato:
Es lässt sich nicht in Worte fassen, sondern aus lange Zeit fortgesetztem Verkehr und aus entsprechender Lebensgemeinschaft tritt es plötzlich in der Seele hervor wie ein durch einen abspringenden Funken entzündetes Licht und nährt sich dann durch sich selbst.
Alles dasselbe: Erleuchtung, Gemeinschaft im Sinne des Community Building nach Scott Peck, gelingendes Philosophieren im Sokratischen Gespräch

Quelle: Das Sokratische Gespräch


… und umgekehrt

12. Juni 2017

Es gibt so einen tiefsinnigen Spruch:

Egal, was mein Gegenüber sagt:
Alles was er oder sie sendet,
ist eine Aussage über sich selbst
und seine/ihre eigenen Bedürfnisse.
Diese Äußerung sagt nichts über mich.

Das funktioniert natürlich auch umgekehrt:

Egal, was ich meinem Gegenüber sage:
Alles was ich sende,
ist eine Aussage über mich selbst
und meine eigenen Bedürfnisse.
Diese Äußerung sagt nichts über mein Gegenüber.


Verallgemeinerter Glühbirnenwitz

11. Juni 2017

Von Sven Hartenstein gibt es den Glühbirnenwitz in der GfK-Version:

anvc_lightbulb-jokes_de

Im ersten Durchlauf natürlich ganz witzig. Im zweiten Durchlauf bleibt mir das Lachen im Halse stecken. Der Witz funktioniert auch mit Wale retten, Klima schützen, Frieden schaffen.

Sich für den Erhalt der Schöpfung einsetzen ist nur eine Strategie – es geht auch anders.